Prüfen unter Produktionslast

SERVICELÖSUNGEN Elektrotechnik - Mechanik - Instandhaltung

Prüfen unter Produktionslast

23. April 2019 wissemswert 0

 

SICHERHEIT AM ARBEITSPLATZ

Kaum ein Bereich des täglichen Lebens ist in Deutschland so stark reglementiert wie die Sicherheit am Arbeitsplatz. Zum dafür geltenden, komplexen Regelwerk gehören die Unfallverhütungsvorschriften. Bei deren Einhaltung lassen sich immer mehr Firmen helfen – zum Beispiel vom Ludwigshafener Dienstleistungsunternehmen SEM, wenn es um die DGUV-Vorschrift 3 „Elektrische Anlagen und Betriebsmittel“ geht.

Die Bestimmungen zur Sicherheit am Arbeitsplatz finden sich im Arbeitschutzgesetz (ArbSchG), in der Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV), den Technischen Regeln für Betriebssicherheit (TRBS) – und den Unfallverhütungsvorschriften der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung. Die DGUV-Vorschrift 3 „Elektrische Anlagen und Betriebsmittel“ umfasst so unterschiedliche Bereiche wie Photovoltaik-Einrichtungen, Druckmaschinen oder Buchbinderei–Kreuzleger. Aber auch Kaffeemaschinen, Bürodrucker und Kopierer. Selbst in komplett neuen Produktionsbetrieben, die auf der grünen Wiese unter Berücksichtigung des jeweils aktuellen Stands aller technischen Einrichtungen entstehen, greifen die DGUV-Vorschriften. Deshalb ist der Druckmaschinenhersteller Koenig & Bauer im Sommer 2018 mit der SEM Servicegesellschaft für Elektrik und Mechanik eine Kooperation eingegangen. Nun kann zu neuer Drucktechnik auch das Knowhow für deren Prüfung angeboten werden.

 

Carsten Konagel, Timo Willsch (beide SEM) und Philippe Auzou (BDBB, v.l.n.r.) werfen gemeinsam einen Blick auf die Verkabelung eines Schaltschranks im Versandraum des Badischen Druckhauses Baden-Baden.

SPEZIALISTEN, WO NÖTIG. Zu den ersten SEM/Koenig & Bauer-Kunden im Rahmen dieser Kooperation gehört die Badisches Druckhaus Baden-Baden GmbH im Stadtteil Baden-Baden-Oos. Hier werden neben der Tageszeitung „Badisches Tagblatt“ auch eine Reihe von Anzeigenblättern sowie Lohnaufträge für Verlage, Handels- und Industrieunternehmen produziert. 2014 war im Badischen Druckhaus eine Koenig & Bauer Commander CT für den Druck von bis zu 48-seitigen Zeitungen im Berliner Format angelaufen. Ein Ferag-Versandraum bietet unter anderem die Möglichkeit zum Einstecken von bis zu zehn Beilagen in einem Durchgang.

Für den wirtschaftlichen Betrieb des Produktionsunternehmens sorgt „ein kleines, aber feines Team aus 27 Mitarbeitern“ – so Geschäftsführer Paul Haas, der im Mai 2018 die Leitung des Druckhauses übernommen hat. Zu diesem Team gehören auch drei Mitarbeiter der Betriebstechnik, die einen Großteil der Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten am Standort bewältigen. Wo es um Spezialbereiche geht, zieht Heinz Klein, Bereichsleiter EDV/IT, aber Experten hinzu – etwa bei der Revision des Falzapparates. Oder bei der Prüfung der elektrischen Anlagen.

DER DIENSTLEISTER. Durch diese Prüfung können sich die Verantwortlichen im Badischen Druckhaus Baden-Baden sicher sein, stets den DGUV-Vorschriften zu entsprechen – und die Prüfung sorgt natürlich auch für Arbeits- und Produktionssicherheit. Zumal wenn sie durch externe Spezialisten erfolgt. Der entsprechende Dienstleister, die SEM Servicegesellschaft für Elektrik und Mechanik, hat ihren Hauptsitz in Ludwigshafen und ist in der Druckbranche seit vielen Jahren als Spezialunternehmen für die Wartung und Instandhaltung von Großanlagen bekannt. Den Print-Spezialisten weniger bekannt dürfte ein SEM-Geschäftsfeld sein, das von der Niederlassung Ahrensburg aus gesteuert wird: die Elektro- und Anlagentechnik. Deshalb sind viele der rund 300 Mitarbeiter der SEM ausgebildete Elektriker und vereinen die Fachkenntnis mit dem Wissen über die Abläufe in Druckbetrieben.

IN SELBSTGEWÄHLTEN ABSTÄNDEN. In § 5 der DGUV 3 heißt es: „Der Unternehmer hat dafür zu sorgen, dass die elektrischen Anlagen und Betriebsmittel auf ihren ordnungsgemäßen Zustand geprüft werden“. Dies muss bereits bei der erstmaligen Inbetriebnahme erfolgen und dann, so die Vorschrift, „in bestimmten Zeitabständen“. Diese Fristen seien so zu bemessen, „dass entstehende Mängel, mit denen gerechnet werden muss, rechtzeitig festgestellt werden“. Als elektrische Betriebsmittel werden alle Gegenstände definiert, „die als Ganzes oder in einzelnen Teilen dem Anwenden elektrischer Energie (z.B. Gegenstände zum Erzeugen, Fortleiten, Verteilen, Speichern, Messen, Umsetzen und Verbrauchen) oder dem Übertragen, Verteilen und Verarbeiten von Informationen (z.B. Gegenstände der Fernmelde-und Informationstechnik) dienen.“ Elektrische Anlagen „werden durch Zusammenschluss elektrischer Betriebsmittel gebildet“.

Letztlich kann jedes Unternehmen die Rhythmen aber selbst bestimmen, betont vor allem Prokurist Michael Grieswald, der das Geschäftsfeld Elektro- und Anlagentechnik bei der SEM leitet. Der Dienstleister, so Grieswald, könne nur Prüfberichte erstellen und Hinweise geben. Er kann nicht – wie etwa der TÜV im Falle von Kraftfahrzeugen – fehlerhafte Maschinen und Anlagen stilllegen. Bei einem Gespräch vor Ort beim Badischen Druckhaus erläutert Grieswald, worauf es bei der DGUV-Prüfung ankommt: Eine große Rolle bei der Festlegung der Prüf-Abstände spielt die Nutzung des jeweiligen Betriebsmittels. Nicht nur, wie intensiv (z.B. im Dreischicht-Betrieb) sondern auch durch wen eine Maschine oder eine elektrische Anlage genutzt wird. Sind das Fachkräfte, angelernte Mitarbeiter oder gar nur Praktikanten? Wie hoch ist das Gefährdungspotenzial?

Wer auf Nummer Sicher gehen will, so Grieswald, orientiert sich beim Zeitabstand an den Empfehlungen der Berufsgenossenschaften.

Paul Haas, Geschäftsführer Badisches Druckhaus Baden-Baden GmbH (li.), mit Michael Grieswald (SEM)

Das bedeutet häufig:

  • Bei Gebäudeeinrichtungen alle vier Jahre,
  • Bei ortsfesten Anlagen zwischen ein undzwei Jahre,
  • Bei ortsveränderlichen Anlagen ein Jahr.

 

UNTER PRODUKTIONSLAST GEPRÜFT. Nun ist das nötige Know-how um die technische Sicherheit eines Bürodruckers, einer Kaffeemaschine oder gar einer Zeitungsrotation beurteilen zu können, sehr unterschiedlich. Deshalb nimmt das Team des Badischen Druckhauses Baden-Baden (BDBB) zwar die Prüfung der ortveränderlichen Gegenstände – Kaffeemaschinen, Wasserkocher, PC und Bürodrucker – selbst vor. Bei den Großanlagen kommt aber die SEM in Kooperation mit Koenig & Bauer zum Zug. Gemeinsam mit Koenig & Bauer als OEM ist das Unternehmen für die komplexe Aufgabe gut aufgestellt. Der Austausch von Wissen und die Nutzung individueller Daten der eigenen Anlagen bietet dem Kunden Sicherheit und kompetente und Beratung.

Carsten Konagel, für den Kunden BDBB zuständiger Projektleiter: „Wir prüfen unter Produktionslast, das hebt uns von vielen Mitbewerbern und den lokalen Elektrobetrieben ab.“ Dies ist möglich, weil die SEM-Mitarbeiter bei vielen Druckhäusern ein und aus gehen und sich deshalb mit praktisch jedem gängigen Maschinentyp auskennen. Auf dieser Basis wurden Verfahren entwickelt, die einen „geräuschlosen Prüfablauf ohne Beeinträchtigung der laufenden Produktion erlauben“. Konagel: „Natürlich informieren wir die technischen Abteilungen des Hauses laufend, was wir am jeweiligen Tag vorhaben und stimmen uns ab. So etwas läuft Hand in Hand.“ Für das Projekt Badisches Druckhaus hat SEM etwa fünfzig Manntage veranschlagt. Es ist die erste Wiederholungsprüfung aller Elektroinstallationen mit Sichtprüfung und Durchmessen aller elektrischen Anschlüsse. Heinz Klein: „Das ist ein weites Feld – die Gebäudetechnik mit allen Unterverteilern für Licht und Steckdosen; die Klimatechnik; die ganzen Nebenaggregate für den Druckprozess wie Feuchtmittelaufbereitung und Farbversorgung; die Presscontainer und Hebebühnen; die Weiterverarbeitungsanlagen oder die PV-Anlage auf dem Dach. Das ganze Projekt zieht sich bis ins Jahr 2019 hin.“ Da der eingesetzte SEM-Prüfer Timo Willsch aber stets von einem Elektriker des BDBB begleitet wird, muss man die Zahl der Manntage eigentlich verdoppeln. Doch nur so – begründet Geschäftsführer Paul Haas – ist der optimale Lerneffekt auch für das Team des Kunden gewährleistet. Zu den wichtigsten Aufgaben gehört unter anderem die Prüfung, ob zwischen den einzelnen Maschinen ein Potenzialausgleich stattfindet. Dieser verhindert einen möglichen Fehlerstrom, sollten Mitarbeiter schadhafte unterschiedliche Maschinen oder Gerätschaften gleichzeitig berühren. Doch angesichts der gerade einmal vier Jahre alten Installationen in dem Baden-Badener Betrieb rechnet Timo Willsch hier mit wenig Überraschungen.

„UNERKLÄRLICHE“ NETZ-SCHWANKUNGEN. Wenn er oder seine Kollegen in 20 oder 30 Jahre alte Produktionsbetriebe kommen, kann das ganz anders aussehen. Es gibt durchaus Betriebe, die noch nie geprüft haben, lassen die SEM-Spezialisten durchblicken. Auf Grund der mangelhaften Personalausstattung vieler Gewerbeaufsichtsämter kann man durchaus viele Jahre unbehelligt bleiben.

In solchen Firmen kann es vorkommen, dass die Erdung von Druckmaschinen völlig weggerostet ist und die Gefahr eines Stromschlags für Mitarbeiter besteht. Bei weniger schweren Fällen sind es meist die EDV-Techniker, die in ihren Datennetzen durch „unerklärliche“ Schwankungen als erste die Auswirkungen eines fehlenden Potenzialausgleichs zu spüren bekommen. Dann sucht sich der Strom andere Wege, seien es Metallrohre oder eben IT-Netze. Dabei müssen sich Firmenchefs, die nie prüfen lassen bzw. sich über die Empfehlungen der prüfenden Mitarbeiter oder Dienstleister hinwegsetzen, mit dem Vorwurf des vorsätzlichen Handelns rechnen. Und dann steht der Geschäftsführer im Schadensfall mit einem Bein im Gefängnis. Doch selbst für ordnungsgemäß geprüfte Betriebe kann Ungemach drohen, wenn die Ordner mit den Protokollen nicht ordentlich geführt oder nur „zu gut weggeschlossen“ sind. Steht der Staatsanwalt erst einmal vor der Tür und nimmt wegen eines Arbeitsunfalls Ermittlungen auf, hat die Unternehmensleitung gerade einmal 15 Minuten Zeit, ihre Unterlagen vorzulegen, erzählt Projektleiter Carsten Konagel aus seinem reichen Erfahrungsschatz.

PROAKTIV ANGESPROCHEN. In den seltensten Fällen sind es allerdings Staatsanwälte, die Unternehmen veranlassen, ihren Prüfpflichten nachzukommen. Meist reicht der Besuch eines Sachverständigen, der von der Brandschutz-Versicherung entsandt wurde. Der weiß, wo er hinschauen muss. Ohne Prüfprotokolle keine Police. Man wolle den Markt gemeinsam proaktiv bearbeiten, hatten SEM-Geschäftsführer Achim Trenkner und Thomas Potzkai, Bereichsleiter Service der Koenig & Bauer AG, im Sommer 2018 anlässlich der Unterzeichnung der Kooperationsvereinbarung erklärt. Viele Firmenchefs dürften in einigen Jahren möglicherweise dankbar sein, proaktiv auch auf die Prüfungen gemäß DGUV angesprochen worden zu sein.